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Für einen Grenzgang, der auch morgen noch verbindet.

Konstruktiver Impuls aus der Stadtgesellschaft zur behutsamen Anpassung der Figur des „Mohren“ beim Biedenkopfer Grenzgang

Der Biedenkopfer Grenzgang ist für viele Menschen weit mehr als ein Heimatfest. Er steht für Gemeinschaft, Heimatverbundenheit, ehrenamtliches Engagement und eine lebendige Tradition, die Familien, Freunde und Generationen seit Jahrhunderten verbindet.
Gerade deshalb möchten wir, dass auch unsere Kinder und Enkel den Grenzgang eines Tages mit derselben Freude und demselben Stolz erleben und weitertragen können wie wir heute.

Doch seit einigen Jahren wird der Grenzgang zunehmend von der öffentlichen Diskussion um die Symbolfigur des „Mohren“ überschattet. Was für viele Biedenkopferinnen und Biedenkopfer bislang selbstverständlich zur Tradition gehörte, wird heute sowohl außerhalb unserer Stadt als auch von einigen Menschen innerhalb Biedenkopfs kritisch wahrgenommen. Diese Debatte belastet viele, trübt die Vorfreude auf das Fest und lenkt den Blick von dem ab, worum es beim Grenzgang eigentlich geht: Gemeinschaft, Heimat und Zusammenhalt. Manche von uns fragen sich inzwischen sogar, ob wir den Grenzgang angesichts seiner umstrittenen Außenwirkung noch mit derselben Selbstverständlichkeit vertreten, Bilder davon teilen oder Freunde und Bekannte von außerhalb dazu einladen können.


Wir sind überzeugt: Der ausschließlich durch ehrenamtlich engagierte Bürgerinnen und Bürger Biedenkopfs organisierte Grenzgang ist zu besonders, zu wertvoll, um dauerhaft von der Debatte um eine einzige Figur überschattet zu werden.Der öffentliche Druck auf den Grenzgang ist längst Realität. Umso wichtiger ist es aus unserer Sicht, dass die Diskussion über seine Zukunft nicht allein von außen bestimmt wird, sondern aus der Mitte unserer Stadtgesellschaft heraus geführt wird.

Aus diesem Grund möchten wir die Initiative ergreifen, diesen Dialog anzustoßen. Nicht, weil wir den Grenzgang und die umstrittene Figur infrage stellen. Sondern weil wir beides bewahren und behutsam weiterentwickeln möchten.Unsere Initiative möchte sichtbar machen, dass es auch innerhalb der Biedenkopfer Stadtgesellschaft Menschen gibt, die sich eine veränderte Darstellung der Symbolfigur wünschen. Diese Stimmen verdienen ebenso Gehör wie diejenigen, die am bisherigen Brauch festhalten möchten. Unser Anliegen ist der Wunsch nach einem respektvollen Dialog.Wir möchten dem Grenzgangskomitee unsere Wertschätzung und unseren Respekt aussprechen, für alles was sie für dieses Fest tun. Wir möchten das Grenzgangskomitee aber ermutigen, gemeinsam mit der Bürgerschaft darüber nachzudenken, wie die Symbolfigur künftig gestaltet werden kann – mit Respekt vor der eigenen Geschichte, sozialer und ethischer Verantwortung, und im Sinne der Zukunft unseres Heimatfestes.Denn unser gemeinsames Ziel sollte sein, dass auch kommende Generationen mit Freude und Stolz sagen können: Das ist unser Grenzgang - er lebe hoch!


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Was wir vorschlagen:

Was uns antreibt und wovon wir überzeugt sind:

Was uns wichtig ist:

Der Grenzgang hat eine Verantwortung für seine Tradition

Der Biedenkopfer Grenzgang ist weit mehr als ein Heimatfest. Er stiftet Identität, verbindet Generationen und prägt das Bild unserer Stadt weit über ihre Grenzen hinaus. Gerade deshalb trägt er auch Verantwortung für die Werte, die er nach innen lebt und nach außen vermittelt.Der Grenzgang ist kein isoliertes Brauchtum. Er steht nicht außerhalb der Gesellschaft, sondern ist Teil von ihr. Was auf unserem Heimatfest dargestellt, gesagt und gelebt wird, wirkt immer auch über die Stadtgrenzen hinaus.In einer Gesellschaft, in der politische Positionen immer weiter nach rechts rücken, rassistische Einstellungen wieder lauter und vermeintlich salonfähiger werden und die Zahl rassistisch motivierter Straftaten zunimmt, genügt es nicht mehr nur „nicht rassistisch“ zu sein. Wir müssen als demokratische Gesellschaft "antirassistisch" sein. Wer rassistische Symbole akzeptiert, bereitet rassistischen Parteien den Boden.Verantwortung für Tradition zu übernehmen bedeutet nicht, sie aufzugeben. Im Gegenteil: Der Grenzgang hat in seiner Geschichte bereits mehrfach gezeigt, dass er bereit ist, aus historischen Erfahrungen und neuen gesellschaftlichen Bewertungen Konsequenzen zu ziehen. So wird der Grenzgang heute – mit Ausnahme seiner offiziellen Repräsentanten – bewusst nicht uniformiert begangen. Diese Entscheidung geht darauf zurück, dass Uniformierungen während der Zeit des Nationalsozialismus das Bild des Festes prägten und man sich von dieser historischen Vereinnahmung bewusst distanzieren wollte.Auch war es früher selbstverständlich, dass Frauen und Mädchen sich nicht in den Grenzgangsgesellschaften organisieren - in diesem Jahr versammelten sich Burschenführer und Mädchenführerinnen nicht nur erstmals in der 333-jährigen Historie des Grenzgangs gemeinsam sondern kamen auch zu dem Ergebnis, sich gemeinsam auf dem Marktplatz zum Nachmittagsfestzug aufzustellen. Eine behutsame Anpassung des „Mohren“ würde sich somit nahtlos ein in eine Reihe von Innovationen einfügen, die den Charakter des Grenzgangs nicht verwässern, sondern ihn ganz im Gegenteil in seinen Werten wie Offenheit, Gemeinschaft und Verantwortung bestätigen.Das Argument „Das haben wir schon immer so gemacht“ war noch nie ein guter Maßstab dafür, ob etwas richtig ist. Traditionen sind keine Naturgesetze. Sie entstehen in einer bestimmten Zeit und spiegeln immer auch die Werte dieser Zeit wider. Manche Traditionen bleiben bestehen, andere verändern sich, wenn sich unser Wissen, unsere Werte und unser gesellschaftliches Verständnis weiterentwickeln.Vielleicht werden zukünftige Generationen nicht davon erzählen, dass Biedenkopf möglichst lange an einer umstrittenen Darstellung festgehalten hat. Vielleicht werden sie vielmehr mit Stolz sagen, dass die Biedenkopferinnen und Biedenkopfer den Mut hatten, die Geschichte ihres Grenzgangs ehrlich zu betrachten und eine traditionsreiche Symbolfigur behutsam und respektvoll weiterzuentwickeln – ohne seinen Charakter und seine Identität zu verändern.

Es steht uns nicht zu, die Erfahrungen und Wahrnehmungen anderer Menschen zu bewerten oder ihnen abzusprechen, was sie als verletzend empfinden.

Die meisten von uns mussten nie erfahren, wegen ihrer Hautfarbe anders behandelt zu werden. Gerade deshalb fällt es oft schwer nachzuvollziehen, was es bedeutet, als Schwarzer Mensch durchs Leben zu gehen. Für viele Schwarze Menschen gehören Situationen zum Alltag, in denen sie aufgrund ihrer Hautfarbe anders wahrgenommen und mit Klischees oder Vorurteilen konfrontiert werden. Es muss zermürbend sein, immer wieder aufs Neue erklären und rechtfertigen zu müssen, warum bestimmte Begriffe, Darstellungen oder Verhaltensweisen für sie verletzend oder diskriminierend sind.In der Diskussion um den „Mohren” hört man häufig den Satz: „Ich finde daran nichts Rassistisches.“ Oder: „Das ist doch nicht schlimm.“ Diese Aussagen sind zunächst verständlich. Die meisten Menschen in Biedenkopf verbinden mit dem Grenzgang positive Gefühle und keinerlei rassistische Absichten.Die entscheidende Frage lautet jedoch nicht, ob wir selbst etwas als verletzend werten, sondern ob diejenigen, die davon betroffen sind, es als verletzend empfinden. Wer selbst nie wegen eines bestimmten Merkmals ausgegrenzt, angefeindet oder entwürdigt wurde, sollte zumindest offen dafür sein, zuzuhören, wenn Betroffene schildern, warum sie gewisse Symbole und Bräuche als verletzend empfinden.Das bedeutet nicht, dass nur Schwarze Menschen über Rassismus sprechen dürfen. Im Gegenteil: Die Auseinandersetzung geht uns alle an. Aber sie bedeutet, dass wir den Erfahrungen derjenigen besonderes Gewicht beimessen sollten, die Rassismus selbst erleben.

Quellen und weiterführende Literatur

Das steckt hinter unserer Initiative

Mangels Plattform sowie bislang fehlender Initiatorinnen und Initiatoren, die die durchaus erwünschte Diskussion in Gang bringen, hat sich eine Interessengruppe zusammengefunden, die sich für eine konstruktive Auseinandersetzung mit der im Raum stehenden Kritik einsetzen und konkrete Vorschläge für eine behutsame Anpassung der Figur des „Mohren“ liefern möchte.Unsere Initiative gründet sich aus einer Reihe begeisterter Grenzgängerinnen und Grenzgänger aus Biedenkopf, die das Fest seit frühester Kindheit lieben und leben und seit jeher mit Stolz und Begeisterung in die Welt getragen haben.Wichtig zu betonen ist uns: Unser Ziel ist nicht, diese Symbolfigur des Grenzgangs abzuschaffen oder den Grenzgang komplett auf den Kopf zu stellen. Im Gegenteil: Uns geht es um die Zukunftsfähigkeit des Grenzgangs und einen verantwortungsvollen Umgang mit unserer Tradition, hinter der wir wieder mit Stolz und gutem Gewissen stehen wollen.

Die Diskussion über die Zukunft des Grenzgangs muss aus der Mitte unserer Stadtgesellschaft heraus geführt werden

Die Diskussion um die Figur des „Mohren“ ist nicht neu. Wie bereits beim Grenzgang 2019 keimt sie jedes Mal aufs Neue auf, verschärft sich zunehmend und erreicht, so wie aktuell, wenige Wochen vor dem Fest ihren Höhepunkt. Die wiederkehrende Diskussion ist aufreibend, trübt die Vorfreude auf den Grenzgang - sie nervt und ist dennoch nicht von der Hand zu weisen.Wir müssen als Biedenkopfer Stadtgesellschaft, als Mitglieder des Grenzgangsvereins und als aktive Grenzgängerinnen und Grenzgänger in den Männer-/ Frauengesellschaften sowie Burschen-/ Mädchenschaften diese Diskussion führen und uns mit der Kritik ehrlich und konstruktiv auseinandersetzen, denn die Debatte lenkt von dem ab, was der Grenzgang eigentlich ist: Ein generationenverbindendes, identitätsstiftendes, positives und traditionelles Heimatfest, das seinesgleichen sucht - und auf das wir stolz sein wollen.Lassen wir weiterhin jede Kritik mit beschämender „Gelassenheit“ und dem sturen Verweis auf unsere Tradition an uns abprallen, wird der Grenzgang über kurz oder lang diejenigen Grenzgängerinnen und Grenzgänger aus den eigenen Reihen verlieren, die sich von der umstrittenen Darstellung der Figur distanzieren und das Fest aus diesen Gründen boykottieren. Erste entsprechende Entwicklungen gibt es bereits beim Grenzgang 2026.Auch werden die Kritik sowie die kritische Berichterstattung von außen nicht nachlassen. Eine Stadt und ein Fest, die immer weiter in Verruf geraten sowie verschärfte Sicherheitslagen, aufgrund von zu erwartenden Protestaktionen, sind die Folge. Auch hierfür müssen die Veranstalterinnen und Veranstalter sich ihrer Verantwortung bewusst sein.Eine Veränderung des Festes und seiner Außenwirkung zeichnet sich insofern sowieso schon ab. Wir haben es in der Hand, wie wir den Wandel gestalten.

Erhalt der Figur als Major des Grenzgangs - es braucht eine behutsame Anpassung, die die Identität des Heimatfestes bewahrt

Der Erhalt der Figur als Major des Grenzgangs ist uns wichtig. Die folgenden Vorschläge zeigen auf, wie die Figur behutsam weiterentwickelt werden kann, ohne ihren festen Platz im Grenzgang infrage zu stellen. Ziel ist es, die Tradition zu bewahren und zugleich auf Darstellungen zu verzichten, die heute vielfach als diskriminierend und nicht mehr zeitgemäß empfunden werden:

  • Die Begrifflichkeit „Mohr“ sollte in allen offiziellen Veröffentlichungen des Grenzgangsvereins (Bekanntmachungen, Webseite, Instagram, Grenzgangs-Liederbücher, Redemanuskripte sowie in internen Dokumenten etc.) durch den Begriff „Major“ ausgetauscht werden. Eine Namensänderung in „Major“ wäre historisch gut begründbar und könnte schnell Akzeptanz finden, so ähnlich wie sich die Begriffe sind (siehe dazu die Ausführungen von Professor Dr. Siegfried Becker). Das Komitee sollte die Grenzgangsgesellschaften dazu anhalten ebenso auf die Verwendung des Begriffs „Mohr“ zu verzichten und stattdessen „Major“ zu verwenden.

  • Auf die schwarze Gesichtsfärbung des Majoren an den drei Grenzgangstagen sollte verzichtet werden. Er sollte stattdessen gänzlich ungeschminkt auftreten oder könnte alternativ andere Farben (z.B. die Stadtfarben) auf den Wangen tragen. Hierdurch wäre auch eine rücksichtsvolle Referenz auf das bisherige Erscheinungsbild gegeben.

  • Bei grafischen Darstellung des Majoren, z.B. als Teil des Dreigestirns mit den Wettläufern (etwa auf der Webseite), sollte ebenfalls auf die schwarze Gesichtsfärbung verzichtet werden.

  • Das „Schwärzen“ als Glücksbringer ist für viele Biedenkopferinnen und Biedenkopfer ein wichtiger und geliebter Aspekt an der Figur des „Mohren“. Diese Geste verändert sich durch den Verzicht auf die schwarze Gesichtsfarbe, könnte aber zukünftig anders interpretiert werden.

  • Auf der Webseite des Grenzgangsvereins sollte die Kritik am bisherigen „Mohren“ selbstkritisch aufgegriffen und im Sinne der Sensibilisierung und Aufklärung umfassend eingeordnet und erläutert werden.

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Wir möchten dem Grenzgangskomitee an dieser Stelle zunächst unsere Wertschätzung und unseren ausdrücklichen Dank aussprechen für die Verantwortung, das ehrenamtliche Engagement und die Organisation des Grenzgangsfestes. Dieser Einsatz ist nicht selbstverständlich und verdient Respekt.Als Führungseinheit des Grenzgangs sehen wir die Aufgabe und Verantwortung, eine selbstkritische und intensive Auseinandersetzung herbeizuführen und zu moderieren bei dieser Instanz. Wir möchten das Grenzgangskomitee deshalb ermutigen im Rahmen der Nachlese zum Grenzgang 2026, gemeinsam mit der Bürgerschaft darüber nachzudenken, wie die Symbolfigur künftig gestaltet werden kann. Den Auftakt dazu könnten Fachvorträge und eine öffentliche Veranstaltung mit einer divers besetzten Podiumsdiskussion bilden, bei der Vertreterinnen und Vertreter der kritikübenden Vereine und Gruppierungen, Grenzgangsrepräsentantinnen und -repräsentanten, Kulturwissenschaftlerinnen und Kulturwissenschaftler, Historikerinnen und Historiker, Bürgerinnen und Bürger zu Wort kommen.Für einen dialogorientierten Wandel der Figur zum Grenzgang 2026 scheint es aufgrund der fortgeschrittenen Planung des Festes bereits zu spät und die operativen Vorbereitungen des Festes binden alle Kapazitäten. Wir möchten dennoch den Repräsentantinnen und Repräsentanten des Grenzgangs und der Stadt Biedenkopf nahelegen, den diesjährigen Auftakt zum Grenzgang 2026 zu nutzen, um den Weg für eine ernsthafte Debatte zu ebnen und ein Zeichen für einen verantwortungsvollen und zukunftsgerichteten Umgang mit unserer Tradition zu setzen. Dieses Zeichen braucht es von der Führung!

Warum die Debatte bislang nicht in Gang kommt

Die Diskussion um die Figur des „Mohren“ bewegt viele Menschen innerhalb und außerhalb der Stadt. Dennoch ist es bislang kaum gelungen, darüber in einen gemeinsamen und konstruktiven Austausch zu kommen. Woran liegt das?Wir glauben, dass die Art, wie die Kritik bislang geäußert bzw. über die Medien transportiert wird, als extrem konfrontativ, verkürzt und verurteilend von den Biedenkopferinnen und Biedenkopfern aufgefasst wird, weil sie viel zu oft mit dem Rassismusvorwurf einhergeht und das Fest in seiner Ganzheitlichkeit diffamiert, nicht ausreichend ernst nimmt und wertschätzt. An dieser Stelle bricht der Dialog ab und die Fronten verhärten sich. Man geht in die Verteidigungshaltung.Der Zeitpunkt, zu dem die Kritik eingebracht wird, nämlich wenige Wochen vor dem Grenzgangsfest, ist aus Sicht der Kritik übenden Initiativen zunächst nachvollziehbar, denn er trifft die aufkeimende Grenzgangs-Euphorie direkt im Kern. Wir glauben jedoch, die Debatte verdient einen ausreichenden zeitlichen Vorsprung, damit die Biedenkopferinnen und Biedenkopfer in einen konstruktiven und weniger emotional aufgeladenen Dialog treten können. Denn nur so entsteht Raum für Information, Wissenstransfer und einen lösungsorientierten Meinungsaustausch. Erst wenn unterschiedliche Perspektiven gehört und nachvollzogen werden können, lassen sich Lösungen entwickeln, die von der Biedenkopfer Stadtgesellschaft selbst entwickelt und getragen werden.

Wir respektieren die unterschiedlichen Sichtweisen auf die Figur des "Mohren"

Im Zusammenhang mit der Kritik an der Figur des „Mohren“ wird häufig darauf verwiesen, dass viele Biedenkopferinnen und Biedenkopfer die Figur lieben und sie als selbstverständliches und positiv besetztes Element des Festes kennen. Diese Erfahrungen sind nachvollziehbar und legitim.Biedenkopferinnen und Biedenkopfer, die den Grenzgang meist von Kindesbeinen an kennen, sind mit dem lokalen Kontext, den Menschen und der positiven Bedeutung der Figur innerhalb des Festes aufgewachsen. Dadurch ordnen sie die Figur möglicherweise anders ein als Menschen, die Biedenkopf nicht kennen und ihr erstmals begegnen.Gleichzeitig können diese einzelnen persönlichen Erfahrungen nicht für alle Menschen sprechen. Die Wahrnehmung und Bewertung von Symbolen ist geprägt durch die eigene Biografie und Erfahrung sowie den persönlichen Blick auf Geschichte und Gegenwart. Manche empfinden die Darstellung als unproblematisch, andere als verletzend oder unangenehm. Entscheidend ist nicht, ob wir diese Einschätzung teilen, sondern ob wir bereit sind anzuerkennen, dass andere die Figur aufgrund ihrer historischen Assoziation und ihrer Symbolik als problematisch empfinden.An dieser Stelle tragen der Grenzgang und seine Veranstalterinnen und Veranstalter eine besondere Verantwortung: Früher war das Fest nahezu ausschließlich eine lokale Angelegenheit. Heute wird es über soziale Medien, Zeitungsberichte und Fernsehbeiträge weit über die Grenzen Biedenkopfs hinaus wahrgenommen. Menschen, die den Grenzgang zum ersten Mal sehen, kennen weder seine Geschichte noch die positiven Absichten seiner Akteurinnen und Akteure. Sie sehen zunächst einen schwarz geschminkten Menschen in der Rolle eines „Mohren“. Deshalb kann sich die Bewertung dieser Tradition und Symbolik heute nicht mehr allein am lokalen Selbstverständnis orientieren. Eine Tradition, die öffentlich sichtbar ist, muss sich auch der öffentlichen Wirkung ihrer Symbole stellen.

Warum die Darstellung des „Mohren“ problematisch ist

Die Kritik an der Figur des „Mohren“ bedeutet nicht, dass die Biedenkopferinnen und Biedenkopfer oder der Grenzgang als Ganzes rassistisch sind. Vielmehr richtet sie sich gegen eine Darstellung, deren historische Entstehung und gesellschaftliche Wirkung heute anders bewertet werden als noch vor Jahrzehnten.Ein immer wiederkehrendes Argument derjenigen, die den „Mohren“ in seiner aktuellen Erscheinung verteidigen, ist, dass seine Rolle beim Grenzgang durchweg positiv besetzt ist. Dem ist nicht zu widersprechen. Der „Mohr“ ist zusammen mit den Wettläufern das Gesicht des Grenzgangs, bildet das Hauptelement des Logos, eine Umarmung des „Mohren“ bringt Glück und viele Menschen freuen sich darüber, ihn beim Grenzgang zu Gesicht zu bekommen. Es finden keinerlei Rituale oder Bräuche statt, bei denen die Figur des „Mohren“ aktiv herabgewürdigt oder bloßgestellt wird. Der „Mohr“ wird per se als vollkommen positiv belegte und respektable Rolle angesehen.Und dennoch sind seine Erscheinung und Bezeichnung in der Tat problematisch und nicht mehr zeitgemäß.


Zur historischen Entstehung der FigurUm zu verstehen, warum die Figur des „Mohren“ heute kritisch betrachtet wird, lohnt sich ein Blick auf ihre historische Entstehung. Die Herkunft der Figur ist umstritten und nicht endgültig belegt. Mindestens aber die andauernde Darstellung der Figur als Schwarzer Mann ist im gesellschaftlichen Kontext zu sehen. Diese ist durch die europäische Geschichte von Kolonialismus, Versklavung und Exotisierung Schwarzer Menschen mitgeprägt.Der Biedenkopfer Grenzgang geht auf frühere herrschaftliche Grenzbegehungen der hessischen Landgrafen zurück. Nach Einschätzung des Marburger Kulturwissenschaftlers Prof. Dr. Siegfried Becker spricht vieles dafür, dass die heutige Figur des „Mohren“ auf einen sogenannten Tambourmajor (Anführer der Trommler eines militärischen Verbandes; im bürgerlich-festlichen Grenzgang wurden die Trommler später durch die Wettläufer ersetzt) zurückgeht, dessen Rolle an Fürstenhöfen durchaus von einem sogenannten „Hofmohr“ ausgeübt worden sein könnte. Einen eindeutigen Beleg für Biedenkopf gibt es zwar nicht, doch die Existenz solcher „Hofmohren“ und ihre Funktionen an deutschen Fürstenhöfen, auch in der Region, sind historisch gut dokumentiert. Auch die Uniform des heutigen "Grenzgangsmohren“, ein schwarzer Anzug mit goldenen Schnüren, deutet darauf hin.Folgt man dieser Deutung, muss man sich zugleich bewusst machen, wer diese Menschen tatsächlich waren. „Hofmohren“ waren als Kinder aus Afrika verschleppt und an europäische Fürstenhöfe gebracht worden. Zwar nahmen einige von ihnen repräsentative und angesehene Aufgaben (wie die des Tambourmajoren) wahr, doch ihre Biografien begannen mit Unfreiheit, Entrechtung und dem Verlust ihrer Heimat.
Auch wenn die Figur des „Mohren" tatsächlich heute wie damals eine angesehene Position an der Spitze des Grenzgangszuges innehat, repräsentiert sie Menschen, deren Lebensgeschichte von Zwang, Verschleppung und Abhängigkeit geprägt war und die als höfische Prestigeobjekte behandelt wurden. Das Leid, das diese Menschen erfahren haben, wurde in der bisherigen Debatte kaum mitgedacht.
Wenn die Figur tatsächlich auf diese historischen Ursprünge zurückgeht, dann wäre eine behutsame Veränderung der Figur kein Bruch mit der Geschichte, sondern ein Ausdruck des Respekts gegenüber den Menschen, die hinter dieser Geschichte stehen. Denn verantwortungsvolle Traditionspflege bedeutet nicht nur Vergangenes zu bewahren, sondern auch die eigene Geschichte ehrlich zu betrachten und dort wo sie sie mit Unrecht verbunden ist, die richtigen Konsequenzen für die Gegenwart zu ziehen.


Der Begriff MohrEin häufiges Argument lautet: „Das Wort „Mohr“ ist doch gar nicht böse oder abwertend gemeint." Diese Auffassung mag für die meisten Menschen zutreffen. Dennoch wurde der Begriff im Laufe seiner Geschichte mit Bedeutungen und Zuschreibungen aufgeladen, die bis heute nachwirken.Der Begriff „Mohr“ wurde über Jahrhunderte verwendet und ist eng mit einer Zeit verbunden, in der Schwarze Menschen von der weißen Mehrheitsgesellschaft häufig nicht als individuelle Persönlichkeiten wahrgenommen wurden. Statt sie mit ihrem Namen, ihrem Titel, ihrer Herkunft oder ihrer Kultur zu bezeichnen, wurden sie auf ein einziges äußeres Merkmal reduziert: ihre Hautfarbe.Bei Schwarzen Menschen war genau diese Reduzierung über Jahrhunderte gesellschaftliche Realität, die insbesondere durch den Kolonialismus und die europäischen Rassentheorien des 18. und 19. Jahrhunderts verstärkt und negativ konnotiert wurde. Der Begriff macht aus einem Menschen keine Persönlichkeit, sondern eine Figur: den „Anderen", den Fremden, den Exoten.Der Begriff „Mohr“ wurde von Schwarzen Menschen nie als gleichwertige Selbstbezeichnung verwendet, sondern als Fremdbezeichnung über Menschen, die kaum selbst bestimmen konnten, wie sie genannt werden wollten und aufgrund ihrer Hautfarbe eine systematische Unterdrückung erfahren haben.Aus diesem Grund empfinden viele Schwarze Menschen den Begriff heute als verletzend oder entwürdigend. Nicht, weil das einzelne Wort für sich genommen eine Beleidigung wäre, sondern weil es sie an eine Geschichte erinnert, in der Menschen aufgrund derselben Hautfarbe auf ein Klischee reduziert und nicht als gleichwertige Individuen behandelt wurden.Gerade weil die Figur im Grenzgang heute als angesehene und respektierte Persönlichkeit verstanden wird, sollte auch ihre Bezeichnung diesem Anspruch gerecht werden. Die negativ konnotierte Fremdbezeichnung „Mohr“ erscheint deshalb weder passend noch zeitgemäß. Eine Umbenennung würde der Würde und Individualität der Menschen, auf deren historische Vorbilder die Figur möglicherweise zurückgeht, eher gerecht werden als ein Begriff, der sie auf ihre Hautfarbe reduziert.


Das praktizierte BlackfacingDer wohl umstrittenste Teil der Figur des Biedenkopfer „Mohren“ ist das sogenannte „Blackfacing”. Dabei handelt es sich um die Praxis, dass sich weiße Menschen das Gesicht dunkel schminken, um eine Schwarze Person darzustellen.Viele reagieren darauf mit Unverständnis. Sie sagen: „Unser „Mohr“ macht sich doch nicht über Schwarze lustig." Auch das ist vermutlich wohlwollend gemeint.Doch die Kritik richtet sich nicht gegen die Absicht der Darsteller, sondern gegen die Praxis im geschichtlichen Kontext: Blackfacing entstand im 19. Jahrhundert vor allem in den USA in den sogenannten Minstrel Shows. Weiße Schauspieler und Schauspielerinnen schminkten ihre Gesichter schwarz, zeichneten übergroße Lippen auf und spielten Schwarze Menschen als einfältig, faul, lächerlich oder kindlich. Diese Aufführungen gehörten jahrzehntelang zu den gängigen Unterhaltungsformen und trugen erheblich dazu bei, Vorurteile gegenüber Schwarzen Menschen in der Bevölkerung zu verbreiten. Inzwischen findet Blackfacing in vielen Ländern als rassistische Kunstform nicht mehr statt.Auch in Deutschland wird Blackfacing seit vielen Jahren kritisch gesehen. Theater haben entsprechende Inszenierungen beendet, Fernsehsendungen verzichten darauf und zahlreiche Kulturinstitutionen lehnen diese Praxis inzwischen ausdrücklich ab.Dabei ist wichtig zu verstehen: Die Kritik lautet nicht, dass jede Person, die sich schwarz schminkt, rassistische Absichten verfolgt. Entscheidend ist vielmehr, dass Blackfacing als Darstellungsform bis heute für viele Schwarze Menschen ein Symbol der Geschichte von Rassismus, Versklavung und Entmenschlichung ist und deshalb als verletzend empfunden wird. Symbole und Bilder verlieren ihre historische Bedeutung nicht dadurch, dass sie gut gemeint sind.An dieser Stelle könnte man einwenden, dass der Biedenkopfer „Mohr“ gerade keine lächerliche oder abgewertete Figur darstellt und sich damit deutlich von den rassistischen Karikaturen der historischen Minstrel Shows unterscheidet. Dieser Unterschied ist wichtig. Die Kritik am Blackfacing bezieht sich jedoch nicht allein auf die konkrete Darstellung, sondern auf die Darstellungsform selbst und ihren historischen Kontext.Auch wenn sich beide Darstellungen grundlegend in ihrer Aussage unterscheiden, haben sie eine entscheidende Gemeinsamkeit: In beiden Fällen stellen weiße Menschen Schwarze Figuren dar, deren historische Bedeutung untrennbar mit einer Geschichte von Rassismus, Kolonialismus und Unfreiheit verbunden ist. Während die Minstrel Shows Schwarze Menschen bewusst verspotteten und herabwürdigten, verweist die Figur des "Grenzgangsmohren" auf das Schicksal eines verschleppten und entrechteten Menschen. In beiden Fällen wird eine Geschichte, die eng mit dem Leid Schwarzer Menschen verbunden ist zur Grundlage einer öffentlichen Inszenierung – wenn auch auf unterschiedliche Weise.Die Erkenntnis, dass historisch belastete Darstellungsformen kritisch hinterfragt und gegebenenfalls weiterentwickelt werden müssen, hat inzwischen auch viele andere traditionsreiche Institutionen zum Umdenken bewegt:Ein gutes Beispiel sind die Sternsinger. Jahrzehntelang war es selbstverständlich, dass eines der Kinder als „schwarzer König" geschminkt wurde. Heute empfehlen das Kindermissionswerk „Die Sternsinger" und der Bund der Deutschen Katholischen Jugend bundesweit ausdrücklich, auf diese Praxis zu verzichten. Ihr Leitgedanke lautet: „Kommt so, wie ihr seid." Begründet wird dies unter anderem damit, dass Hautfarbe und Herkunft nicht gleichzusetzen sind und das Schwarzschminken heute von vielen Menschen als verletzend wahrgenommen wird. Die eigentliche Botschaft des Sternsingens bleibe dadurch vollständig erhalten.Auch in den Niederlanden wurde die Figur des „Zwarte Piet" über viele Jahre kontrovers diskutiert. Was lange als unverzichtbare Tradition galt, wurde schrittweise verändert. In vielen Städten ersetzte man die vollständige schwarze Schminke durch sogenannte „Ruß-Pieten", deren Gesichter lediglich Rußspuren aufweisen – so, als seien sie tatsächlich durch den Schornstein geklettert. Die Tradition blieb erhalten, ihre Darstellung wurde jedoch an das heutige gesellschaftliche Verständnis angepasst.Diese Beispiele zeigen: Eine Tradition verliert ihren Wert nicht dadurch, dass problematische Elemente überdacht werden. Im Gegenteil. Sie kann dadurch langfristig erhalten bleiben, weil sie sich weiterentwickelt und den Werten ihrer Zeit anpasst.